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Text: Judith Schalansky
Initial ehler sind dort, wo Menschen sind« lautete lange Zeit die Parole, »Wir sind nun mal keine Maschinen«, die verteidigende Entschuldigung. Längst hat sich gezeigt, dass Fehler in jedem Mechanismus zu Hause sind und auch die Zukunft keine fehlerfreien Prozesse versprechen kann. Fehler passieren überall, sie unterlaufen uns, wenn wir mal nicht aufpassen. Sie sind subtiler als das Scheitern, klein und unbemerkt schleichen sie sich ein, in Maschinen, Systeme, Prozesse und gefährden Produktionen, Ziele, Ergebnisse. Sie sind die Lücken, die uns an die eigene Unvollkommenheit erinnern, an die falschen Entscheidung über die wir irgendwann pathetisch jammern werden: »Das war der größte Fehler meines Lebens«, seltsam glücklich, ihn nun ausfindig gemacht zu haben und die Ursache allen Übels nun endlich benennen zu können.
»Durch Fehler wird man klug« lehrt ein Sprichwort, mit der Stimme ehemaliger Lehrer, doch gereifter oder gar intelligenter fühlt man sich nie, wenn man einen Fehler begeht, einem ein Missgeschick passiert: Wenn man mit Eis das Sonntagskleid bekleckerte, stöhnte Mutter, und behauptete, sie hätte es schon gewusst. Auch die Volleyballmannschaft zeigte sich wenig verständig, wenn man den Ball und damit den Sieg verpasste. Man konnte nie davon ausgehen, dass es nicht wieder passieren würde.
Die Erziehung, sei es zu Hause oder in der Schule, hat uns das Fehlermachen für immer verdorben. Der markierende Rotstift interessierte sich selten für den Inhalt unseres Aufsatzes, ein Fehlerquotient wählte kühl eine Note aus einer Tabelle. Von den Eltern wurden Versehen belächelt, Vergehen bestraft. Die Welt schien lange Zeit in richtig und falsch aufgeteilt, so dass wir heute ein Leben der Fehlervermeidung führen, mit Angst, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, voller Hemmungen, sich für das Falsche zu entscheiden. Niemand begeht gern einen Fehler.
Was ist denn das Gegenteil von Fehler? Erfolg wäre zu positiv, nicht jedes fehlerloses Verhalten kann als Triumph gefeiert werden. Es gibt keinen wirklichen Gegenbegriff. Als Gegenteil von Fehler erscheint uns eher das Normale, das Bestehende, der Lauf der Dinge. Fehler sind also Ausnahmen, die Verwunderung auslösen und neue Sichtweisen eröffnen. Oft verraten sie dabei das Spezifische eines Vorgangs, entlarven das Besondere einer Situation. Lässt sich aus Fehlern vielleicht tatsächlich gut lernen? Fehler sind zumindest Chancen für etwas Neues und Quelle für Inspiration. Dies ist Grund genug, Fehler zu wagen und zum Thema der ersten Ausgabe von »echtzeit« zu wählen.
Wir waren auf der gezielten Suche nach jeder Form von Fehlern, seien es technische oder schicksalshafte: in Systemen, Entscheidungen, Strategien, Software, bei Menschen. Wir haben sie gefunden, systematisch oder im Trial-and-Error-Verfahren, ihre Daseinsberechtigung und ästhetische Form ergründet und zu einem fragmentarischen Kompendium der Makel und Lücken, der Ausnahmen und Entgleisungen, der Vergehen und Mängel zusammengetragen, denn wir wissen: Wir werden Fehler machen.