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Wenn Du Dir Deine digitalen Tools ins reale Leben wŁnscht
Text: Andreas Zecher
Initial in Ausflug in die Historie der Grafiksoftware: Im Jahr 1986 erscheint die erste Version des Bitmap-Zeichenprogramms Deluxe Paint für den Amiga und erfreut die Nerds zuhause mit einer neuartigen Funktion, die es erlaubt, einen falsch gesetzten Pinselstrich im digitalen Kunstwerk ungeschehen zu machen. Das Undo erweist sich als sehr hilfreich, da es noch keine Ebenen gibt, die man sperren kann, um Teile seiner Arbeit vor der eigenen Fehlerhaftigkeit zu schützen.
Heute drückt man schon im realen Leben instinktiv mit Daumen und Mittelfinger nach der unverzichtbar gewordenen Tastenkombination Apfel+Z. Oft auch mal ins Leere, immer dann, wenn gerade gar kein Computer zur Hand ist und man mit anderen Tätigkeiten beschäftigt ist, wie beispielsweise dem Zeichnen. Mit dem Bleistift einen falschen Strich ziehen, und sich dann darüber wundern, warum der in der Luft vollzogene Undo-Griff wirkungslos bleibt. Derartige Erfahrungen, die sich in den zunehmend digitalisierten Alltag geschlichen haben, werfen die Frage auf, ob die Undo-Taste nicht auch im echten Leben wünschenswert ist. Doch der Wunsch, die Rückgängig-Funktion in das Betriebssystem Wirklichkeit zu portieren birgt seine Tücken, das erkannte Max Frisch schon 1969 mit seinem Theaterstück »Biographie: Ein Spiel«. Dort bekommt der Verhaltensforscher Kürmann die Möglichkeit an beliebige Stellen seines Lebens zurückzuspringen, um seine vermeintlich größten Fehler zu korrigieren. Überzeugt zu wissen, was er beim zweiten Lauf besser machen würde, muss er jedoch feststellen, das er entweder aus neuen Gründen wieder die gleichen Fehler begeht, oder aber die Alternativhandlungen seine persönliche Biographie nicht nennenswert beeinflussen. Unfähig die Ehe mit seiner zweiten Frau zu verhindern, erschiesst er sie schliesslich, um die sieben Jahre Ehe nicht erneut durchleben zu müssen.


Doppelseite aus dem Heft (00:45:13) – Gestaltung von Andreas Zecher

Ein ähnliches Schicksal erleidet auch Bill Murray in der Filmkomödie »Und täglich grüßt das Murmeltier«, wo er als arroganter, selbstsüchtiger Fernsehkorrespondent in einem kleinen Kaff festsitzt, und jeden Morgen den gleichen Tag beginnen muss. Bald fängt er an, die Endlosschleife, in der er gefangen ist, für seine eigenen Zwecke auszunutzen: Im Trial-and-Error-Verfahren versucht er mit verschiedensten Strategien das Herz seiner Konkurrentin zu erobern. Trotz allen gegebenen Möglichkeiten und phantasievollen Versuchen schlägt er fehl. Erst als er Unentschiedenheit und Beliebigkeit hinter sich lässt, hat er Erfolg.
Andere Tastenkombinationen mögen einfacher zu portieren sein. Beispielsweise Apfel+F (früher Sherlock) für Zuhause, etwa als Modifikation von Sonys Roboterschnüffihund AIBO, der die verlorene Lohnsteuerkarte innerhalb eines fest definierten Radius, sagen wir der eigenen Wohnung, wiederfindet. Verschiedene Kriterien könnten die Suche verfeinern: Name, Gewicht, Farbe, Erstellungsdatum, Ablagedatum, Wärmespuren. Gegenstände wie Daten suchen, das könnte ein Verkaufsschlager werden.