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Was sie über die Sehnsucht nach dem Orginal verrät
Text: Judith Schalansky
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ER FALSCHE REMBRANDT
Der »Mann mit dem Goldhelm« war jahrelang das Starbild der Berliner Gemäldegalerie, ein jeder kennt das melancholische Gesicht im Rembrandtschen Dunkel von Reproduktionen, die die Sekretariate zahlreicher Schulen im Land schmücken. In den 80iger Jahren warnte Interpol die Museumsleitung vor einem Diebstahl. Um das beliebte Bild zu schützen, einigten sich die Verantwortlichen auf das Anfertigen einer Kopie, die so täuschend gelang, dass selbst die Wärter keinen Verdacht schöpften. So bestaunten die Museumsbesucher einige Wochen lang, statt einem Rembrandt das Werk eines begabten Restaurators.
Die Kopie wurde nicht gestohlen, und nachdem die Gemäldegalerie die eigenwillige Rettungsaktion zugab, waren vor allem die Museumswärter aufs Bitterlichste empört. Hätten sie für eine Kopie ihr Leben geben sollen ?
Das Beispiel zeigt die besondere Bedeutung eines Originals. Die Ironie dabei ist, dass der »Mann mit dem Goldhelm« spätestens durch Forschungen in den 90er Jahren nicht mehr als ein originaler Rembrandt gilt. Das unsignierte Gemälde weist eine zu übersteigerte Verwendung der rembrandtschen Mittel auf, als dass es wirklich vom Meister selbst stammen könnte. Heute befindet es sich deswegen an weniger prominenter Stelle, unter der wenig glamourösen Zuschreibung »Rembrandt-Umkreis«.
Es ist zweifellos ein Original, von wessen Hand auch immer, bestimmt nicht in betrügerischer Absicht entstanden, und doch bewirkt die Zuschreibungskorrektur, dass sein Wert, sein Ansehen um ein Vielfaches sinkt. Dass gerade ein falscher Rembrandt jahrzehntelang als der typische galt, vermittelt das Gefühl, man sei auf eine Fälschung hereingefallen.


Doppelseite aus dem Heft (01:18:16) – Gestaltung von Svenja von Döhlen

DIE SIGNATUR: VOM EGO ZUM LOGO
Das Zeitalter des Originals, und damit auch das der Fälschung, beginnt mit der Signatur. Sie bezeugt die Autorschaft seit der Neuzeit. Unterschreiben als Zeichen individueller Schöpferkraft, jenes Ego als Selbstvergewisserung, gilt noch in heutigen »Ich war hier«-Graffiti an diversen Mauern, Möbelstücken, Wänden. Irgendwie rührend, dass es ausgerechnet die Signatur ist, mit der wir auch heute noch unsere Anwesenheit, unser Einverständnis, den Kauf mit der EC-Karte bezeugen. Dabei war das Nachahmen von Signaturen schon immer die einfachste und auch wirkungsvollste Fälschungsmethode, in der Renaissance vom einprägsamen Dürer-Monogramm, heute von Logos marktbeherrschender Konzerne. Fast jeder hat sich schon einmal der Dokumentenfälschung strafbar gemacht. Mutters Unterschrift für schlechte Mathearbeiten war einfach zu leicht nachzuahmen, auch die Entschuldigungszettel für eine Freundin hatten ein seriöses Erscheinungsbild, vielleicht ein seriöseres als die »echten«. Gerade durch Überdurchschnittlichkeit können Fälschungen funktionieren, in der Übertreibung liegt sowohl das Gelingen der Täuschung, als auch ihr Scheitern begründet.

OSSIAN UND TOM KUMMER ALS KINDER IHRER ZEIT
Die Übertreibung kennzeichnet auch den Fall Tom Kummers, der Ende der neunziger Jahre im oft hoch gelobten SZ-Magazin Interviews mit Berühmtheiten Hollywoods veröffentlichen konnte, die später als unecht entlarvt wurden, was die Karrieren der Chefredakteure und des phantasievollen Journalisten zunächst beendete. Jene Interviews zeichneten sich vor allem durch ihre Intimität und Zwanglosigkeit aus. Stars, die auf Pressekonferenzen sonst nur das wiederholen, was ihre Manager ihnen zuflüstern, plauderten mit Kummer höchst vertraut und facettenreich. Brad Pitt schwärmte von den ägyptischen Gnostikern, Courtney Love berichtete von ihren Alpträumen und Liv Tyler beschrieb ihre neue Liebe als »Sternschnuppe, die nur er und ich sehen können. Wie warme Kastanien in der Hand halten, fühlt sich das an.« Anstatt seine fiktiven Gespräche inhaltlich und formal denjenigen anzupassen, die sonst zu lesen sind, bezog Kummer seine Glaubwürdigkeit gerade aus dem Anschein, zwischen ihm und den Stars bestünde ein derart vertrautes Verhältnis, dass sie nur ihm ihre wahre Seite zeigen. Kummer spielte also sowohl mit dem Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Presse, als auch mit unserer Sehnsucht nach Details aus dem Privat leben von Berühmtheiten. Fälschungen erzählen viel über die Zeit, der sie entstammen. Goethes Werther zitierte stürmisch die gälische Gesänge Ossians, jenes nordischen Homers mit der empfindsamen Seele, der genau dem Zeitgeist des zivilisationsmüden ausgehenden 18. Jahrhunderts entsprach. Doch die Epen Ossians stammten nicht, wie angenommen, aus dem 3. Jahrhundert, sondern wurden durchweg von ihrem vermeintlichen Herausgeber und Übersetzer, einem zeitgenössischen Schotten namens James Macpherson erfunden. Jede Täuschung, ist letztlich ein Produkt ihrer Zeit, auch wenn sie meist der Ruhmsucht eines Einzelnen entstammt.
Dass Fälschungen den Marktbedingungen von Angebot und Nachfrage folgen, zeigt vor allem die Vielzahl gefälschter Tagebücher von Königen, Serienmördern und Diktatoren. Weil Erklärungsbedarf über die homoerotischen Neigungen Ludwig II. oder das Seelenleben des Frauenwürgers Jack the Ripper bestand, wurden diese Marktlücken gefüllt. Nur so ist auch der zumindest kurzzeitige Erfolg der besonders dilettantischen Fälschung der Tagebücher Hitlers zu erklären, ein Skandal, der die Glaubwürdigkeit des »Stern« nachhaltig beschädig.


Doppelseite aus dem Heft (01:13:32) – Gestaltung von Svenja von Döhlen

DAS ORIGINAL IM ZEITALTER DER TECHNISCHEN REPRODUZIERBARKEIT
Die Empörung, die enttarnte Fälschungen auslösen, zeigen, dass das Original auch im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit seine Aura bewahrt hat, und immer neu verteidigt. Die verfälschenden Abbilder befriedigen das Verlangen nach dem Unverfälschten, dem Original. Aus Ermangelung des Originals nehmen wir mit dem Ersatz vorlieb. Wir sind heute gewöhnt, alles besitzen zu können, wenigstens in stellvertretender Form. Ein Mensch des Mittelalters musste zu einem verehrten Altarbild pilgern, von dem er bis dahin nur gehört hat. Wir dagegen begnügen uns mit den täuschenden Reproduktionen, besorgen sie schnell und ohne großen Aufwand für das persönliche Archiv. Wir kaufen die Postkarte eines bewunderten Bildes, kopieren uns einen interessanten Aufsatz, ziehen uns ein schönes Lied als mp3 aus dem Netz, wohl wissend, dass wir nicht das Original besitzen, es nur noch besuchen können. So ähneln wir dann doch dem mittelalterlichen Reisenden. Um das Original zu sehen, zu hören, zu erfahren, besuchen wir nach wie vor mit Freude Konzerte, betreten mit Ehrfurcht jene kultischen Häuser, die heute Museen heißen. Wenn dort eine Fälschung hinge, hätten wir auch zu Hause bleiben können.Dass das Original durch die zunehmende Digitalisierung vielleicht doch am Aussterben ist, zeigt ein jüngerer Fall von Nachlassverwaltung. Das Literaturarchiv Marbach erwarb vor kurzem den Nachlass des Schriftstellers Thomas Strittmatter. Dabei handelte es sich nicht um Schuhkartons mit losen Manuskripten, sondern um einen »Atari SM 124« mit zwei bis drei Dutzend Disketten. Anstatt die Handschrift zu entziffern, mussten die Atari-Dateien der 80er Jahren konvertiert werden. Als die Texte schließlich lesbar waren, behielten nur noch die Disketten, als deren ursprüngliche Hülle einen letzten originalen Ausstellungswert.