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Text: Judith Schalansky
Initial egenden, das sind Märchen, in denen Prinzen und Räuber Abenteuer bestehen und Meerjungfrauen Seeleute verführen oder Mythen der abendländischen Kultur, wie der Turmbau zu Babel das wundersame Leben und leidensreiche Sterben der Heiligen. Legenden können auch Menschen zu Idolen verklären: In Stein gehauene Übergrößen zeugen von längst überwundenen Ideologien und mit Idolen tapezierte Jugendzimmer von pubertären Sehnsüchten.
»Legende« ist ein Wort, das als beliebige Projektionsfläche funktioniert, stolz und unverwüstlich. Seine fortwährende Bemühung als Etikette und sein durch Umlaut aufgeblähtes Adjektiv sind kaum zu ertragen. Doch der grässliche Slogan »Die Legende lebt!« behält dennoch Recht, denn Legendenbildung ist unvermeidbar. Jede persönliche Anekdote, kollektive Erinnerung, religiöse Legende variiert immer gleiche Geschichten, sie benutzen bekannte Rollen, folgen altbewährten Erzählstrukturen. In der Drehbuchdramaturgie heißt es, es gäbe im Grunde nicht mehr als 16 Plots. Gerade aus diesem Mangel an Originalität beziehen Legenden ihre Macht und Wirksamkeit. Sie sind formbar, lassen sich für jede Politik oder Mode neu interpretieren, bieten pluralistische Heimaten, funktionieren als Eselsbrücken der Ereignisse.
Legenden, das sind auch die Kästchen mit dem Kleingedruckten am unteren Bildrand, deren Auskünfte die Richtung weisen, die Herkunft verraten: Die Fußnoten vertiefen den Aufsatz, die Schautafeln im Museum bestimmen das staubige Exponat, die entfaltete Landkarte weist mit ihren Himmelrichtungen den Weg, das Impressum in der Zeitung offenbart die Verantwortlichen, die komplizierte Grafik bliebe ohne ihre Legende fremd und stumm. Die Helden dieser Legenden sind Symbole: gestrichelte Linien, Kästchen, gefüllte und leere, Halbkreise, Kreuze und Sternchen. Ihr Ziel heißt Information.
Beide Legenden belehren, ob mit Moral oder mit kalten Fakten. Auch das System der Zuordnung, Beschriftung, Erklärung dient letztlich der Aufbewahrung von Geschichten, die gern »Erkenntnisse« genannt werden. Ihre behauptete Objektivität erfüllt wie alle Mythen und Märchen die Funktion, möglichst viel Sinn zu erzeugen. Fast scheint es, als ob sich der Wissenschaftsglaube zu einer modernen Volksfrömmigkeit entwickelt hat, bei der es auch nur darum geht, Halt und Trost zu finden.
In der zweiten Ausgabe von »echtzeit« haben wir die beiden Bedeutungen des Wortes »Legende« ausgelotet, das Chaos der Ordnung, die Lügen den Wahrheiten, das Verklären dem Erklären gegenübergestellt. Dabei haben wir mit größter Halbbildung inhaltlich und gestalterisch aus dem reichen Fundus der Legenden geschöpft, haben Diagramme erstellt, Heiligenscheine erträumt, Graphen gezeichnet, Metamorphosen erlebt, Statistiken erhoben und eine Menge Seemannsgarn gesponnen.