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Von Atlas bis Welt:
Fragmente einer Sprache der Kartografie
Text: Judith Schalansky
Initial tlas1. Himmelsträger in der griechischen Mythologie [1] 2.Gebirge in Nordafrika (heutiges Marokko) 3. seit dem 16. Jahrhundert Bezeichnung für die Sammlung von Landkarten [2] 3. allgemein, eine Zusammenstellung von thematisch zusammengehörenden (Bild-)Tafeln aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen.
Der Himmelsträger ist Erdenträger geworden, A. trägt nicht mehr den Himmel, Atlanten tragen die Erde: Die irdischen Karten des Schulatlas, [3] erklären die –>Welt. [4] Mehr scheint über die Gegebenheiten und Entwicklungen des blauen Planeten – seien sie geografischer, politischer oder wirtschaftlicher Natur – nicht darstellbar. Der A. ist ein Buch der Bücher das ein scheinbar objektives Weltbild durch unvorstellbare Maßstäbe und zeichenreiche –>Legenden darstellt, fremde und bekannt klingende –>Namen in größtmöglicher typografischer Vielfalt verortet und nicht nur zur Orientierung zu Rate gezogen werden kann. Einen A. liest man nicht, man durchblättert ihn, man überfliegt die Karten, versteht unmerklich die Zeichen und Linien und macht sich ein Bild des Waldstückes, der Großstadt, der Welt. Man schweift ab, man träumt, sehnsüchtet (–>Fernweh).
Landkarten prägen die Weltwahrnehmung der Menschen, sind gleichzeitig aber deren Konstruktion. Sie entstammen einer Imagination, die überhaupt erst durch die Weltaneignung, durch das Benennen, das Vermessen, und schließlich das Kartieren möglich wurde.[5] Die sorgsam gezogenen –>Linien, die hübsch eingefärbten Flächenschattierungen, die mal geschlossenen, mal runden Kreise verführen, behaupten, die Wahrheit über die Häuser-, die Steilküsten- und Wälderdichte zu erzählen.
Das ästhetische System der Landkarten funktioniert als ein alles mit allem verbindendes Geflecht, das keiner linearen Erzählung folgt und keinen Anfang hat – denn wer hält sich an Himmelsrichtungen oder an Breiten- und Längengrade beim Lesen einer Karte? – und so wahr wie ein Lexikonartikel ist. Die Welt erscheint als Einheit. Karten sprechen nicht in Sätzen, ihre Sprache ist abgehackt, sprunghaft, unzusammenhängend, nur das Wichtigste wird benannt. Karten sprechen in –>Linien und –>Legenden.

Land in Sicht!
Doppelseite aus dem Heft (00:57:30) – Gestaltung von Svenja von Döhlen

blick1. Die Welt auf einen B. sehen zu wollen, ist ein typisch menschlich-maßloses Unterfangen, das nur scheitern kann.. 2. »Die Karten geben uns die Möglichkeit, daheim und direkt vor unserem Auge die Dinge zu betrachten, die am weitesten entfernt sind.« [6] Johann Blaeu, niederländischer Kartograf, 1663.
Das Erstaunliche der Kartografie ist ihre ungehörige Abstraktionskraft. Sie ist es, die den maßlosen Weltblick, alles von oben zu sehen formte. Von dessen Richtigkeit kann sich seit dem Zeitalter des Flugzeugs vergewissert werden. [7]
Jede Karte ist eine Sichtweise der Welt. Mit wissenschaftlicher Wahrheit wird ein Weltganzes präsentiert, ein omnipräsenter, quasi gottgleicher B. eröffnet, der von keinem Horizont begrenzt wird.[8] Der kartografische B. folgte schon immer dem enzyklopädischen Anspruch, schlichtweg die Welt zu fassen, wenn eine Karte an ihren Rand stößt, folgt auf angegebenen Seiten eine nächste.
Im Mittelalter boten die Weltkarten eine Beschreibung des Heilsganzen, neben geografischen Erkenntnissen war auch Platz für zoologisches, anthropologisches, moralisches und theologisches Wissen. So darf es nicht verwundern, wenn auf manchen Karten selbst mythische Orte wie der Garten Eden oder das ebenso prunkvolle, wie verdorbene Vineta verzeichnet sind.
Auch in der aufgeklärten Gegenwart erzählen Landkarten noch Geschichten, auf subtile, aber zwingende Art. Fast immer handeln sie von der –>Macht: Der bei uns gültige kartografische B. ist ein kolonialer, eurozentrischer: Auf der Weltkarte liegt Amerika links am Rand, Asien rechts, Europa fast selbstverständlich in der Mitte, [9] Deutschland, ja Berlin erscheint als, zugegeben etwas nördlicher Nabel der Erde. [10] Bewusst gar nicht mehr wahrnehmbar, sind Landkarten genordet. [11] Gesüdete Karten, [12] die es bis ins 16. Jahrhundert gab und bei denen alles auf den Kopf gestellt erscheint, haben sich in der Geschichte der Kartografie nicht durchgesetzt.
Landkarten beschreiben das wenige Land der Erde, ihre riesigen Ozeane werden nur auf Spezialkarten näher erläutert. Ein B. auf eine Seekarte verwirrt: Tiefen und Untiefen, Strömungen und Winde, das hellblaue große Dazwischen ist mit einer Fülle von Zahlen, Punkten, –>Linien beschrieben, Küstenläufe werden geradezu übertrieben differenziert dargestellt. Das Land selbst aber bleibt kahl und unbeschrieben, stumm wie –>terra incognita. Der B. der Seekarten scheint umgekehrt, negativ gedacht.
Die Welt auf einen B. sichtbar zu machen, wirft noch immer ungelöste Probleme auf. Die gekrümmte Oberfläche der Erde kann nicht mit gleichzeitiger Flächen-, Längen- und Winkeltreue auf eine ebene Fläche projiziert werden, ein –>Atlas nicht den Globus [13] ersetzen. Die beliebte Mercatorprojektion [14] aus dem Jahr 1569 gibt das Weltbild zwar winkeltreu, die Landmassen jedoch nur in Äquatornähe flächentreu wieder. So ergeben sich auf einer Karte in Mercatorprojektion schamlos verzerrte Länderproportionen: Der zweitgrößte Kontinent Afrika mit einer Fläche von 29 800 000 Quadratkilometern sieht genauso groß aus wie Grönland, die größte Insel der Erde, die mit nur 2 175 600 Quadratkilometern um das 13,7 fache kleiner ist. Eine andere Darstellungsmöglichkeit, die azimutale Lambertprojektion [15] hingegen ist flächengetreu und gibt Grönland [16] im Vergleich zu Afrika richtig wieder.
Im –>Atlas werden vermittelnde Projektionen verwendet, eine rechnerische Kombination aus flächen- und winkeltreuen Abbildungen. Damit ist und bleibt der kartografische B. ein Kompromiss.

figurenAuf alten Karten grasen auf Afrika prächtige Einhörner, auf den Ozeanen tummeln sich liebliche Meerjungfrauen neben Seeungeheuern und am Kartenrand pusten engelsartige personifizierte Haupt- und Nebenwinde. Auf unbekanntem, doch verzeichnetem Land (–>terra incognita) posieren zuweilen Vertreter monströser Menschenrassen. [17]
Selbst das vereinfachte Reich neutraler Zeichen und –>Linien der Landkarten kann mit F. aufwarten. Bis zum 16. Jahrhundert waren die abenteuerlichsten Mythengestalten in die Kartografie integriert, im Barock wurden sie als Titelallegorien an den Rand gedrängt und schließlich aus dem wissenschaftlich-kartografischen –>Blick verbannt. Die abstrahierten F. der zeichenreiche –>Legenden von heute sind nur ein müder Trost.
Doch auch die Grenzen der Länder und Städte bilden mit ihren Konturen F. Das einst mit den Niederlanden vereinigte Belgien ergibt mit einiger Vorstellungskraft einen mächtig brüllenden Löwen, Venedigs Inseln einen seltsamen Fisch und Italien können selbst Phantasiearme als Stiefel anerkennen. [18]

fernweh»Ich war schon mal in Amerika!« »Ja, ja, mit dem Finger auf der Landkarte.« Ein –>Blick auf Karten schürt eine spezielle Form der Sehnsucht: das F.
Karten bieten eine Projektionsfläche für zentrale Glücksversprechen, fernab von den einst materiellen Hoffnungen auf Bodenschätze und fruchtbaren Ackerboden: das persönliche gelobte Land will gefunden werden, ein neues Ufer, ein neues Leben.
Wenn der berühmte Finger auf der Landkarte kreist und nach rein kartografisch-ästhetischen Gesichtspunkten auswählt: eine kleine Insel, ein einsamer Fjord, ein entlegenes Tal, die fremd klingenden Namen entfachen lautmalerisch die Phantasie. Wie es dort wohl aussieht? Dort muss es schön sein. [19] Die Neugier erwacht, die Abenteuerlust setzt ein, auf die Daheimgebliebenen warten exotische Entdeckungen.
Dabei trägt die Vorstellung vom ersehnten Ort meist hartnäckig die reizvollen Züge eines mythischen Stereotypes: das Paradies. Es muss nicht mal das Schlagwort Globalisierung bemüht werden, um die seit dem fin de siècle grassierende Sehnsucht zu erklären. Ein entlegener, möglichst unberührter Ort, ein paradiesischer Urzustand verspricht der zivilisationsgeschundenen Seele Heilung.
Das Kartenkonsultieren kann das F., das es verursacht, gleichzeitig auch mildern, das Reisen sogar ersetzen. [20] Es funktioniert als ästhetische Ersatzbefriedigung. Das Wissen um die geografischen Örtlichkeiten ermöglicht ein Abenteuer, das auch in Gedanken erlebt werden kann. Man muss nicht reisen, um Karten zu lesen.

Land in Sicht!
Doppelseite aus dem Heft (00:39:13) – Gestaltung von Svenja von Döhlen

legendeDie L. der Landkarten erzählt, darin ist sie ihrer mythischen Bedeutung gleich. Ihr hohes Ziel heißt Information, die Benennung der Wirklichkeit. Die Helden dieser L. sind die Symbole: gestrichelte –>Linien, gefüllte und leere Kästchen, Halbkreise, Kreuze und Sternchen.
Die L. stellt die Protagonisten der kartografischen Erzählung vor, sie ordnet die Symbole, Farben [21] und –>Linien in hierarchische Ensembles, gibt ihnen Titel und Untertitel, [22] misst allen Bedeutungen bei, unterscheidet zwischen Laub-, Nadel- und Mischwald, zwischen Wiese, Weide und Heide, zwischen Sumpf und Torfstich, zwischen Garten und Baumschule. [23]
Durch gnadenlose Generalisierung wird das Essentielle aus der Wirklichkeit herausgefiltert, ihm werden die stellvertretenden Zeichen zugeordnet. [24] Entschieden werden muss, ob ein paar Bäume schon einen Busch oder gar einen Wald ergeben, ob etwas als Pfad oder Feldweg aufgenommen wird. Dabei verdrängt jede maßstabswidersetzend breite Autobahn ihre natürliche Umgebung. Die Generalisierung fordert Opfer, die meist unsichtbar bleiben.
Die Zeichen der L. sind sowohl von abstraktem als auch illustrativem Charakter, deren Lesbarkeit unterschiedlich ausfällt. Eine blaue Schlängellinie wird auch ohne Erklärung als Fluss identifiziert, eine schwarze Raute jedoch nicht sofort als Zeichen für den Abbau von Steinkohle verstanden. Die L. wird selten gelesen, vielmehr konsultiert, wenn man angesichts einiger Punkte ratlos bleibt.
L. funktionieren als ein grandioses System der Ordnung. Ihre Grundpfeiler sind ein einheitlicher Maßstab und die Konstante des Meeresspiegels. [25] Sie machen die Welt vergleichbar: Eine deutsche Millionenstadt wird mit dem gleichen Kuller beschrieben wie eine südafrikanische, eine arktische Bucht erstrahlt im selben Blau wie eine karibische, dieselbe Meerestiefe macht sie ähnlich; dabei wird ausgeblendet, ob sie zum Baden geeignet sind oder nicht. Dazu müssen andere Karten zu Rate gezogen werden.
Das Prinzip des Maßstabs bewirkt auch seltsame Vergleiche. Da Zahlen als zu abstrakt erscheinen, wird das kleine Deutschland zum Vergleich gern größeren Länder beigestellt. Im ersten Moment erscheint es erhellend, wie viel Mal Deutschland in China reinpasst, später wird die Absurdität dieses Kunstgriffs deutlich: Was soll 26mal Deutschland in China? Was sagt das aus über Deutschland oder China? Nur, das China verdammt noch mal sehr, sehr groß ist. Das Prinzip der absurden Vergleiche ist auch außerhalb der Geographie beliebt: sogar in den Nachrichten sagen sie, wie viel Mal die bis heute produzierten VW Käfer um den Äquator herumreichen würden: Wie soll man sich das bloß vorstellen, in einer Schlange, Stoßstange an Stoßstange, auf dem Ozean?

linienSchummerung, Schraffung, doppelt, gepunktet, einfach.
Die L. ist das wandlungsfähigste kartografische Gestaltungsmittel. Sie kann als kühles, mathematisches Raster der Meridiane und Parallelkreise rücksichtslos das Land durchkreuzen, oder aber als organische Höhenlinie das Physische des Erdkörpers verdeutlichen. Dabei bekommt ihr Wesen etwas Zärtliches, wer ihr mit dem Finger folgt, erlebt ein seltsam erotisches Moment, das nur vom Befühlen eines reliefierten Globus überboten wird.
Durch die L. wird die Karte zum erfahrbaren Körper, [26] sie grenzt ab, schlängelt sich lang, weist den Weg. In der Gebirgsdarstellung hat sie die ungelenken Maulswurfshügel mit einer Mischung aus eleganten Schummerung, Schraffung und Relief abgelöst, so dass eine jede Schweizer Alpenkarte Verzückung hervorruft.
Die unregelmäßige L. verleiht selbst politischen Grenzen eine gewisse Organik, geradewegs so, als wäre dieses Land gewachsen und nicht Ergebnis jahrhundertelanger Territorialkämpfe. Die praktischen, geraden Grenzen US-amerikanischer Bundesstaaten oder nordafrikanischer Wüstenstaaten scheinen dagegen am kartografischen Schreibtisch mit dem Lineal gezogen worden zu sein.

machtNimm einen Atlas mit auf eine öde Reise! Die Welt wird dir zu Füßen liegen!
Die Geschichte der Kartografie ist eine Geschichte der M., der territorialen Vorherrschaft und Hoheitsansprüche. Das Vermessen eines Landes, sein Kartieren auf dem Papier, sein Benennen (–>Namen), zog unweigerlich einen Besitzanspruch nach sich. Wer neues Land entdeckte, [27] nahm es sogleich in Besitz und reihte es in die kolonialen Errungenschaften seines Vaterlandes ein.
Lange Zeit sicherte der Besitz bestimmter Navigationskarten die wirtschaftliche Vorherrschaft der großen Kolonialmächte. Einige große Schlachten wurden durch geographische Kenntnisse gewonnen. Auch heute gibt es noch allerhand Karten, die dem Militär vorbehalten sind. [28]
Das Erdmodell ist ein festes Symbol für Weltherrschaft, in Filmen spielt der Böse damit. Auch Charlie Chaplin tanzt in seiner Anti-Nazi-Satire »The Great Dictator« von 1940 als Adenoid Hynkel mit einer voluminösen Weltkugel, die am Schluss wie ein Ballon zerplatzt. Dass Hitler tatsächlich einen Globus mit dem imperialen Durchmesser von 1,15 Meter und der stattlichen Höhe von 1,70 Meter besaß, zeigt, wie wahr dieses Klischee ist.

namenRokkogebirge, Claire-Küste, Spitzbergen.
Der N. einer Gegend, eines Gewässers oder Ortes gibt Auskunft darüber, wie die Menschen diesen Fleck Erde wahrnahmen, welchen Charakter sie ihm zuordneten (Schöneiche bei Berlin, Deppendorf bei Bielefeld), welchen Glauben (Corpus Christi, Texas, USA) und welche Ängste sie damit verbanden (Hunger, Elend im Harz). Die geografische Namensgebung ist ein Akt der Besitznahme, [29] die Beschriftung funktioniert als Okkupation, besiegelt wie eine Taufe einen Bund, und kann so auch ein Spiegelbild politischer Veränderungen bieten. [30]
Das Umbenennen ist die denkbar einfachste und prägendste Form von (kartografischer) Weltaneignung und Neuordnung. Wie sehr damit menschliche Wertvorstellungen verbunden sind, verdeutlicht im Großen, dass Städtenamen eine Vielzahl von Entsprechungen in anderen Sprachen haben (Peking statt Bejing) [31] und im Kleinen, dass fast jede Unbenennung von Straßennamen einen bitteren Provinzstreit hervorruft.

orientierung 1. Wie komme ich von A nach B? Wo bin ich noch mal? Frage ich mich und zeichne meinen Weg mit dem Finger auf der Karte nach. Der Karte wird vertraut. Die Karte hat immer Recht. 2. Die Karte ist schlichtweg eine bildliche Darstellung, die das Verständnis von Gegenständen, Begriffen, Sachverhalten, Prozessen und Ereignissen der menschlichen Welt erleichtert. Vgl. Petrinetze.
Landkarten sind das Medium der menschlichen Selbstvergewisserung. Der eigene Standpunkt will wiedererkannt, die Erfahrung einer Reise beglaubigt, die Entfernung einer Insel abgeschätzt werden. Jede Karte funktioniert als therapeutische Wirklichkeitskonstruktion der Menschen. Die Bemühung ist von jeher die gleiche: Die Welt zu fassen, einen Plan machen, sowohl das Bekannte als auch das Unbekannte – dass es heute angeblich nicht mehr gibt! – zu verzeichnen, nach verschiedenen Gesichtspunkten abzufragen: physisch, politisch, historisch, wirtschaftlich etc.
Dabei neigen alle Kulturen dazu, die Welt bipolar einzuteilen, in ein Hier und ein Dort, in ein Wir und ein Sie. Das Wesen der Fremde kann in dieser bipolaren Sichtweise [32] genauso gut Hölle wie auch Paradies sein (–>Fernweh).

Seelengeographie Da die Karte einen Körper hat, so muss sie eine Seele haben. [33]
Heutzutage erfahren die Karten eine Beseelung. Die nomadischen Menschen, deren Leben und Treiben sonst nur durch Städte, Bahnlinien und Autobahnen repräsentiert wird, werden zum Thema der sonst so zurückhaltenden Karten. Mit menschlichen Schicksalen beseelt, richten sie sich nach Bruttosozialprodukt, Lebenserwartung oder Sterberate, und stellen die Welt auf den Kopf: In demografischen Atlanten nach Einwohnerzahlen braucht China ein Viertel der Erdoberfläche und ist Indien dreimal größer als die Vereinigten Staaten.
Auf einer Internetseite heißt es verführerisch »Create your own map.« [34] Aus einigen Beispielkarten kann man sich seine ganz persönliche Seelenkarte aussuchen. Passt zu einem eher ein Gebirgssee, eine Inselanlage, eine Fjordlandschaft, ein Flussdelta? Dann darf man den Gegenden, Buchten, Gebirgen –>Namen geben. Wonach benennt man sie? Die Inseln nach den Exgeliebten, die Gebirgsspitzen nach den Vorbildern, das Meer nach der Mutter? Welche –>Namen sind es, die man vermerken will?

terra incognita»Als kleiner Junge hatte ich eine Leidenschaft für Landkarten. [...] Damals gab es noch viele weiße Flecken auf der Erde, und wenn ich auf der Karte einen sah, der besonders einladend aussah [...], legte ich meinen Finger darauf und sagte: Wenn ich einmal groß bin, geh’ ich dort hin.« [35]
Es heißt, die Natur fürchte die Leere. So schrieb man in Zeiten, in denen jede Schifffahrt eine Bereicherung der Karte bedeutete, nicht ohne Zuversicht –>t. i. auf große Landmassen im fernen Westen und tiefen Süden, den heutigen asiatischen, amerikanischen und antarktischen Gefilden.
Voller Demut teilte man die Welt damals in die bekannte und die unbekannte. Jene weiße Flecken der Karten konnten nach Belieben mit menschlicher Phantasie, mit dem Gewünschten und Gefürchteten, gefüllt werden. Der große Ozean bot Platz für die Insel der Seligen, [36] Atlantis, [37] Utopia, [38] Robinson Crusoes Eiland und einer Vielzahl von Schatzinseln. [39]
Im unbekannten Land gab es grauenhafte Monster und so wundersame Dinge wie einen Jungbrunnen, von dem ein englischer Ritter des 14. Jahrhunderts zu berichten weiß: »Ich, John Mandeville, sah diesen Brunnen und trank dreimal daraus, und ebenso all meine Gefährten. Seit jener Zeit fühle ich mich wohler und gesünder.« [40]
Heute finden sich weiße Flecken nur noch auf stummen Karten. Die unbekannten Welten werden längst im All gesucht, das finis terrae ist ein finis kosmae geworden. Auf den Landkarten findet sich manchmal allenfalls eine unbekannte, weil erfundene Straße. Aus Copyrightgründen verstecken manche Kartenhersteller auf jeder Karte sogenannte »Fallenstraßen«, eine Straße, meist eine kleine harmlose Sackgasse am Ende einer Siedlung. So kann nachvollzogen werden, ob andere abschreiben. [41]

weltWas ist Welt? Zumindest kein geographischer Begriff.
Die Planisphären [42] heißen mit maßlosem Selbstverständnis Weltkarten. Rührend, dass es hier zu einer Überlagerung der Begriffe Erde, als menschlicher Planet und Welt, als das schlechthin Größte, das begreifbar ist, kommt. Natürlich müsste es Erdkarte heißen! Es heißt ja auch nicht Weltkunde.
Die Welt wuchs Jahrhunderte lang, heute ist sie wieder kleiner geworden. Kleiner, denn erreichbarer. Man kann in jede Gegend fahren, oder sie auf der Landkarte nachschlagen. Es gibt keine weißen Flecken, die Erde ist rundherum entdeckt. –>Atlas hat schwer zu tragen.