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Staub ist ebenso banal wie erhaben. Man bekämpft ihn in Industrie und Haushalt, aber bestaunt sein diffuses Flirren im Gegenlicht mit zusammengekniffenen Augen und schätzt seinen nostalgischen Charme auf überholten Souvenirs und vergessenen Trophäen.
Staub ist überall zu Hause, vermehrt sich in häuslichen Ecken oder Ritzen und tanzt im unendlichen Weltall in Ringen um den Saturn. Sein einzelnes Korn gefällt sich als Sinnbild für die große Welt in der kleinen, es spielt gern Mikro-Makrokosmos. Staub ist ein hinterhältiger Stoff, er kitzelt den Hustenreiz, verweigert sich den Definitionen, ist nicht zu zählen. Grammatikalisch gesehen hat ›Staub‹ keine Pluralform. Seine Mehrzahl ›Stäube‹ wurde künstlich für den technischen Sprachgebrauch erdacht.
Ob Staub organisch oder anorganisch ist, welche Farbe er hat, ist letztlich nicht zu klären. Er bleibt immer vage, ist Anfang und Ende, ist Alles und Nichts. Mit Wasser vermengt, wird in Schöpfungsmythen aus ihm Leben geformt; auch die Existenz unseres Sonnensystems beginnt mit ihm in einer Wolke aus Gas. Als Blütenstaub trägt er genetische Nachrichten von Blume zu Blume.
Sein Herbeizitieren heißt aber auch Abschiednehmen, die liturgische Formel beschließt den Weg alles Irdischen. Die Lektion der Vergänglichkeit lehrt auch die Sanduhr; der unaufhörlich rieselnde Staub bemisst die Zeit erbarmungsloser als der Minutenzeiger, der sich immer noch einen kurzen Moment des Innehaltens gönnt, bevor er zur nächsten Markierung springt. Im Staub gilt nur die Endlosschlaufe, er kennt kein Alter, ist nie fertig. So ist Staub auch eine Metapher für die ewige Echtzeit, die keine Vergangenheit, keine Zukunft kennt. Nur das Jetzt.