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portraitBETINA MÜLLER // PROFESSORIN FÜR TYPOGRAPHISCHE GESTALTUNG // Wo stört Sie Staub am meisten?Auf elektrischen und elektronischen Geräten, wie Fernseher, Stereoanlage, Monitor, Scanner etc. Ihr Keller in einem Satz? Ein dunkles, im Sommer feuchtes, immer staubiges Durcheinander verschiedener Erinnerungssedimente mehrerer Haushalte. Ihr Lieblingsstaub? Sand, wenn er schon Staub ist; sonst Farbpigmente und Puder. Marke ihres Staubsaugers? NILFISK AGM 80 Ist der Keller eine Art Zwischenablage? Ja, weil dort auch Recyclingmaterial und Sperrmüll auf seinen letzten Weg wartet. Nein, weil einige Dinge dort dauerhaft wohnen, wie Rasenmäher, Häcksler, Fahrräder, Tischtennisplatte, Werkzeug etc. Das letzte Wort, das Sie in eine Staubschicht geschrieben haben? Habe ich noch nie gemacht, weil ich es anmaßend finde, jemanden auf diese Weise auf Staub, also Unsauberkeit, aufmerksam zu machen. Es wird jeder seine Gründe haben, weshalb etwas staubig ist. Ist Ihr Keller unheimlich? Manchmal, wenn man allein zu Hause ist. Als wir in das Haus einzogen, war der Keller durch ein deckenhohes Gitter unterteilt, was immer nach Käfig oder Gefängnis aussah. Die letzte Arbeit, mit der Sie Staub aufgewirbelt haben? Eine Zeitung für die Designinitiative über den Designpreis Brandenburg-Berlin, die auch so hieß. Der Zeitungstitel war in Fraktur gesetzt und die redaktionellen Passagen ebenfalls. Haben Sie eine bestimmte Sammelleidenschaft? Keine bestimmte, sondern eher viele, die sich unter dem Begriff »Variationen zum Thema« zusammenfassen lassen, z.B.: Krawatten, Bürsten, Orangenpapiere, Buchstaben – vor allem Bs, Müller-Schriftzüge, Fotos von nackten Schaufensterpuppen, skurrile Alltagstypografie, Obsttüten, schöne Drucksachen, Studentenarbeiten, Frösche, blaue Flaschen, Eisbären, besondere Briefmarken, Kannen, Kinderstühle, Knöpfe, Blechdosen, schöne Bücher, Schilder und Blechschilder, Sammelsurien von kleinen Dingen … Wären Sie ein guter Archivar? Nein, dazu bin ich zu unordentlich und zu unsystematisch. Gibt es Familienerbstücke in Ihrem Keller? Mehrere aus verschiedenen Familien, allerdings wohnen die Kostbarkeiten in der Wohnung, nicht im Keller. Muss Ordnung ein System haben? In irgendeiner Weise ja, aber es muss kein offensichtliches, oder von anderen nachvollziehbares sein. Gibt es Tiere in Ihrem Keller? Asseln, Silberfischchen, Weberknechte, und manchmal kommt der Nachbarkater, um den Keller zu inspizieren. Gibt es Geschichten, die in Ihrem Keller wohnen? Ja, viele verschiedene. Die meisten Geschichten sind mit den Dingen verbunden, aber einige auch mit dem Gehäuse selbst, seiner Stimmung und seinem Geruch zu den unterschiedlichen Jahreszeiten. Wem gehört der Staub? Niemandem und allen. Führen Sie ein staubiges Leben? Ja, weil es viele Sammlungen und viele Dinge bei mir gibt. Gehen Ruhe und Ordnung gemeinsame Wege? Nicht immer, denn es gibt auch eine leblose Ruhe und beklemmende Ordnung. Was passiert in Ihrem Keller, wenn das Licht aus ist? Das wüsste ich auch gern! Vermutlich werden die dort lebenden Tiere dann aktiv, aber vielleicht erzählen sich die Gegenstände auch gegenseitig ihre Geschichten oder lästern über uns. Konservieren Sie Momente in Form von aufbewahrten Gegenständen? Ja, Momente, Erinnerungen aber auch Möglichkeiten oder Entwürfe von anderen Leben. Ihr liebster Kellergegenstand? Oh! Nur einer? Vielleicht die Keksdose, die von Kronkorken umringt eine Blechtrommel sein möchte, der Spinnenbesen mit ›Zahnlücke‹, die kleine Zinkwanne oder das Set verbeulter Alukochtöpfe von Tante Elly. Befreien Sie sie! Tue ich manchmal!