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GESPRÄCH MIT PROF. DR. ROLF DÄssler,
FACHBEREICH INFORMATIONSWISSENSCHAFTEN DER FH POTSDAM

2. November 2004, Potsdam // 350 MB // 367.076.029 Bytes // 2.936.608.232 Bit

HERR DÄSSLER, SIE BESCHÄFTIGEN SICH UNTER ANDEREM MIT DER VERGÄNGLICHKEIT DIGITALER DATEN. WARUM SIND DIESE SO GEFÄHRDET?
Das Problem ist die Speicherung. Digitale Daten werden codiert gespeichert, in Form von Nullen und Einsen. Und zum Lesen dieser Daten ist immer ein Dekodierer nötig. Wir haben also sowohl ein Software- als auch ein Hardwareproblem. Im Archivierungsbereich gibt es zwei verschiedene Verfahren, um Daten zugänglich zu machen, die aber noch lange nicht richtig funktionieren: Einmal die Emulation, das heißt, dass man die technische Umgebung des Entstehungszeitpunkts wiederherstellt. Bei dem anderen Verfahren, der Migration, werden die Daten immer auf die neuesten Medien und Datenträger konvertiert. Ein ganz anderes großes Problem ist die physikalische Vergänglichkeit. Wir haben keine verlässlichen Angaben über die Haltbarkeit der Datenträger.

Die Katastrophe wird kommen.
Doppelseite aus dem Heft (02:09:18)

IST DIE ANGEGEBENE SPANNE NICHT IMMER SEHR GROSS? 2–100 JAHRE ODER SO? Das ist richtig, diese Angaben sind im Moment noch sehr ungenau, weil keine Langzeitstudien existieren. Bei der Entwicklung der gegenwärtig genutzten Medien, seien es magnetische oder optische, wurde die größtmögliche Speicherkapazität angestrebt. Um die Haltbarkeit hat man sich überhaupt gar keine Gedanken gemacht.
WIRD UNSERE GEGENWART ALSO FÜR NACHFOLGENDE GENERATIONEN EIN DUNKLES ZEITALTER SEIN? Das ist vielleicht übertrieben, wir haben ja aus der Vergangenheit auch nicht Unmengen von Informationen überliefert bekommen. Fakt ist aber: Wir riskieren, alle digitalen Daten, die wir in den letzten zehn Jahren – im so genannten digitalen Zeitalter – erzeugt haben, zu verlieren, wenn wir uns nicht Gedanken über die Langzeitarchivierung von digitalen Daten machen. Momentan fehlt dafür noch das gesellschaftliche Bewusstsein, das aber mit zunehmendem Einsatz digitaler Medien im Heimbereich entstehen wird. Seit ungefähr zwei Jahren verkauft man mehr digitale Fotoapparate als analoge. Diese Nutzer werden in ein paar Jahren ihre Datenträger nicht mehr lesen können, und dann werden Ihre Bilder unwiderruflich verloren sein.
ELTERN WERDEN IHREN KINDERN KEINE FOTOS AUS DEREN KINDHEIT ZEIGEN KÖNNEN? Sehr gut möglich, denn man legt diese Tausende von Bildern erst mal auf Datenträgern ab, speichert sie, ohne zu selektieren. Früher hat man sich schon überlegt, welche Fotos man auswählt, um sie im Fotoalbum aufzuheben. Das traditionelle Fotoalbum könnte bald um ein Vielfaches wertvoller werden, als alle DVDs und CDs, die man jetzt bespielt. Zum Beispiel sind die dvds, die wir mit Daten von studentischen Projekten bespielt haben, schon nach anderthalb Jahren unbrauchbar geworden. Die Schichten haben sich verändert, offenbar ist auch Wasser eingedrungen.
KANN DIESES PROBLEM DURCH EINE BESSERE LAGERUNG UMGANGEN WERDEN? Bei ordnungsgemäßer Lagerung – nicht zu heiß, nicht zu hohe Luftfeuchtigkeit – kann man bei einmal beschreibbaren CDs von einer Lebensdauer von ein paar Jahrzehnten ausgehen. Bei mehrfach beschreibbaren fällt diese deutlich geringer aus, weil sie keine Schutzschicht haben. Man muss sich in den Forschungslabors dem Problem der Alterung von Schichten zuwenden.
WÄHREND IM BEREICH DER ANALOGEN MEDIEN EIN FEHLENDER TEIL – EINE FEHLENDE BUCHSEITE ZUM BEISPIEL – DAS GANZE NICHT UNLESBAR MACHT, KANN DAS BEI DIG MEDIEN SCHON PASSIEREN? Das Rekonstruieren bestimmter Bereiche ist zwar auch bei der digitalen Speicherung möglich, wenn aber Kernbereiche, die die Organisation
eines solchen Datenträgers beinhalten, zerstört sind, dann sind alle Daten unwiederbringlich verloren.
DIGITALE MEDIEN VERFÜGEN NICHT ÜBER EINE AURA DES ORIGINALS. ES GIBT KEINE ORIGINALE DIGITALE DATEI, DIE IHREN KOPIEN VORZUZIEHEN IST. Das Buch – das gilt natürlich nicht für alle Bücher, schon gar nicht für die moderne Computerliteratur – hat für mich einen konkurrenzlosen kulturellen Wert. Der entscheidende Wissenserwerb geschieht auch heute noch aus Büchern. Das Buch soll also gar nicht ersetzt, sondern vielmehr ergänzt werden. Aber wir müssen endlich aufhören, in diesen analogen Kategorien zu denken. Seit zehn Jahren werden digitale Daten produziert. Wir müssen uns endlich Gedanken machen, wie wir mit diesen digitalen Daten vernünftig und angemessen umgehen können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass ausgerechnet die Zeitenwende des beginnenden digitalen Zeitalters den nachfolgenden Generationen keine Informationen überliefern kann.
EIN VERBREITETES ARCHIVIERUNGSVERFAHREN IST JA DIE MIKROVERFILMUNG VON DOKUMENTEN. Ja, auch die Bundesregierung speichert ihre Altbestände auf Mikrofiches, wobei aber die Darstellungsqualität leidet. Dieses Verfahren ist für Texte gut geeignet, Bild- und Farbinformationen gehen jedoch verloren. Die Millionen Mikrofiches der Bundesregierung werden in Containern verpackt in ein altes Silberbergwerk eingefahren. Dort wird das Wissen der Deutschen für die Nachwelt aufbewahrt. Die Informationen über das Archiv befinden sich aber wiederum in einer digitalen Datenbank. Gehen diese verloren, sind auch die Mikrofilme praktisch nicht mehr verwendbar.
WIR BRAUCHEN ALSO IMMER EINE GEBRAUCHSANWEISUNG, UM DIE DATEN LESBAR ZU MACHEN. Mikrofiches können natürlich immer mit einem Mikroskop gelesen werden. Wird die Menge aber zu groß, braucht man ein Verwaltungsinstrument. Für einige Daten – etwa bei Fluggesellschaften – gibt es auch gar keine analogen Speichermöglichkeiten, da ständig online auf sie zugegriffen werden muss. Zur Zeit werden solche Daten sehr raumintensiv auf Magnetbändern gespeichert. Hier wären Speicherkristalle sicherlich eine Lösung.
WIE FUNKTIONIERT SO EIN SPEICHERKRISTALL? Es handelt sich um ein holografisches Verfahren. Ein Laser bestrahlt einen Gegenstand. Die Überlagerung des reflektierten Lichtes mit einem Referenzstrahl ergibt ein Interferrenzmuster, das fixiert wird. Aus diesem kann wieder ein dreidimensionales Bild reproduziert werden. Ein Kristall hat sehr viel mehr Ebenen, in die Informationen eingeschrieben werden können, als die bei Hologrammen verwendete Folie. Ein Kubikzentimeter Kristall hat heute bereits Platz für mehrere Terrabyte. Dieses Medium hat den entscheidenen Vorteil, dass neben den digitalen auch analoge Informationen in Form von Bildern oder Text gespeichert werden können. Würde der Kristall in 1000 Jahren gefunden und mit einer Lichtquelle bestrahlt, könnten mit bloßem Auge Anleitungen zur Dekodierung der digitalen Informationen gelesen werden. Das ist für mich das Medium der Zukunft.
ES GIBT ALSO ZUM EINEN DAS PHYSIKALISCHE PROBLEM DER HALTBARKEIT DER DATENTRÄGER UND DER DEKODIERUNG UND ZUM ANDEREN DAS PROBLEM DER AUSWAHL VON INFORMATIONEN. Jeder von uns erzeugt Datenverkehr im Netz speichert und löscht täglich mehrere Megabyte, ohne auch nur an Selektion zu denken. Indem alles einfach irgendwie und irgendwo abgespeichert wird, entsteht Datenmüll, in dem man nichts mehr wiederfindet. Ein weiteres Problem ist das Internet, dessen Inhalte hochdynamisch sind und keine übergeordnete Informationsstruktur haben. Deshalb gehen viele Informationen einfach verloren. Bisher sind alle Versuche, den Inhalt des Netzes zu einem bestimmten Zeitpunkt zu speichern, gescheitert.
DAS INTERNET ALS FORTWÄHREND BRENNENDE BIBLIOTHEK VON ALEXANDRIA? ODER IST ES GAR NICHT AUF DAUER ANGELEGT UND MAN SOLLTE DEN VERSUCH DER KONSERVIERUNG AUFGEBEN? Das Netz beruht ja auf einem Echtzeit-Zugriff auf die Daten. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, den gesamten Netzverkehr zu speichern. Vielmehr sollte er besser organisiert werden.
WIRD ES LETZTLICH AUF EINE ZENTRALISIERUNG HINAUSLAUFEN? BRAUCHEN WIR INSTITUTIONEN, DIE DIESE VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN?
Ja, die Bibliotheken können auch im elektronischen Bereich Verantwortung für ihre jeweilige Wissensdomäne übernehmen, Informationen selektieren, Wissen aufbereiten und zur Verfügung stellen. Denn das allgemeine Bewusstsein der Netznutzer ist hinsichtlich des disziplinierten Umgangs mit Daten äußerst schlecht. Früher wurde vorausgesetzt, dass alle Netznutzer ihre Dokumente, die sie ins Web stellen, diszipliniert verschlagworten. Nach kurzer Zeit haben die Suchmaschinenbetreiber jedoch festgestellt, dass sich kein Mensch daran hält. Die einfachsten Dokumentenverwaltungssysteme werden weder in den Bibliotheken noch in der Wirtschaft konsequent verwendet. Dabei ermöglichen sie uns äußerst simpel, Dokumente geordnet abzulegen und gezielt wiederzufinden. Darin wird jedes Dokument nicht irgendwie produziert und in irgendeinen Ordner gepackt, sondern inhaltlich sowie formal erschlossen und in diesem Verwaltungssystem verzeichnet. Es wurde in vielen Institutionen, auch in unserer Hochschule, versäumt, diese Systeme einzuführen. Stattdessen wurden einfach immer mehr verschiedene Systeme benutzt, die Daten erzeugen.
DIE TECHNOLOGIEN SIND ALSO VORHANDEN, DIE ANWENDUNG IST DAS EIGENTLICHE PROBLEM? Genau, das Problem ist die fehlende Verpflichtung jedes Einzelnen zum disziplinierten Umgang mit Daten.
IST DA NICHT AUCH DIE POLITIK GEFORDERT?
Absolut. Das kann man nur durch Anreize und Reglementierungen erreichen. Einsicht und Freiwilligkeit kann man nicht erwarten. Natürlich verführen die Systeme zum laxen Umgang. Anders als etwa bei einem Buch, bei dem schon allein seine langwierige und kostenaufwändige Produktion davon abhält, es ohne weiteres wegzuwerfen. Digitale Daten sind dagegen auf Knopfdruck zu erzeugen und auf Knopfdruck wieder zu löschen. Jeder sollte mal überlegen, welche enorme Datenmenge er täglich neu erzeugt, an andere verteilt und die damit auch noch belastet.
KANN MAN NICHT VIELLEICHT AUF EINEN EVOLUTIONÄREN MECHANISMUS VERTRAUEN, DASS DIE DATEN, DIE WIRKLICH WICHTIG SIND, AUCH ÜBERLEBEN WERDEN? Ich bin überzeugt, dass wir in ein paar Jahren wirklich schmerzhafte Verluste erleiden, weil Daten verloren sind. Dann erst wird uns das Ausmaß des Problems bewusst werden. Die Katastrophe wird kommen, ja kommen müssen, damit ein Umdenken einsetzt.
WIR MÜSSEN ALSO UNTERSCHEIDEN ZWISCHEN DATEN, DIE NUR JETZT GEBRAUCHT WERDEN, UND DATEN, DIE LÄNGER HALTEN SOLLEN? Ja, auf eine solche Selektion wird es hinauslaufen. Es ist fatal, wie Verkäufer mit riesigen Speicherkapazitäten locken. Eine 200-GB-Platte verleitet einfach dazu, dass ich mir keine Gedanken um Selektion mache.
VIELLEICHT SOLLTE MAN SPEICHERPLATZ ALS RESSOURCE BETRACHTEN UND JEDEM GRUNDSÄTZLICH NUR 200 GB ZUTEILEN. Irgendwann wird ja auch mal das Ende der Kapazität erreicht sein und eine gewissen Sättigung eintreten. Es wurde ja sehr viel Falsches propagiert. Jedem Computerbesitzer wurde suggeriert, dass er spielend programmieren, gestalten, komponieren, filmen kann.
KANN MAN EIGENTLICH NICHT GANZ FROH SEIN, DASS DIESE GANZEN AMATEURFOTOS UND DIE AMATEURMUSIK DIE NACHWELT NICHT BELASTEN WERDEN? Bei diesen privaten Anwendungen handelt es sich gewiss nicht um Kunst, aber um Alltagskultur, die einen bestimmten Zeitgeist vermittelt, und dadurch verdient, erhalten zu werden.
ALSO BRAUCHEN WIR DOCH EINE FESTPLATTE FÜRS LEBEN, MIT ALLEN MAILS, SMS, FOTOS UND DOKUMENTEN, DIE MAN IN SEINEM LEBEN ERZEUGT UND BEKOMMT? Ich speichere meine Daten, alle meine Materialien, die ich produziere, schon
allein wegen der Effizienz auf einer Festplatte, habe aber natürlich eine Kopie davon. Ich habe schon viele Dateien verloren, weil sie auf verschiedenen Computern verteilt waren. Man muss allerdings berücksichtigen, dass auch die Festplatte ein magnetischer Datenträger ist, dessen Mechanik eine ziemlich genau datierbare Lebensdauer hat. Nach unserer Erfahrung sind dies drei bis fünf Jahre. Das heißt, auch das Leben einer Festplatte ist endlich. Man sollte immer eine Kopie auf einer zweiten Festplatte haben, die aber nicht in Betrieb ist. Die kann dann schon sehr lange halten.
WIE OFT UPDATEN SIE? Ganz dynamisch, je nach dem, so alle vierzehn Tage.
AUCH WICHTIGE MAILS? Da muss ich zugeben, dass ich das noch nicht im Griff habe. Die verwalte ich nur auf einem Rechner, drucke sie auch nicht aus, und hatte schon einmal einen kompletten Verlust. Ich fand das damals aber ziemlich erlösend, weil ich viele noch gar nicht beantwortet hatte.
DAS MAILPROGRAMM IST JA EIN ALTERNATIVES DATEIVERWALTUNGSSYSTEM GEWORDEN. Das ist ganz schlecht, weil Mailsysteme dem Netz und damit auch Viren ausgesetzt sind. Das ist die Gefahr der Multifunktionssysteme. Wir sollten die Dinge dafür benutzen, wofür sie auch da sind. Für Dokumentenverwaltung gibt es eben auch Dokumentverwaltungsprogramme, die auch Sicherungssysteme haben.
ABER SIE KÖNNEN EINEM AUCH NICHT DIE ARBEIT ABNEHMEN, STÄNDIG ENTSCHEIDEN ZU MÜSSEN: BRAUCHE ICH DAS ODER BRAUCHE ICH ES NICHT? Nein, aber das kann man auch nicht immer so unmittelbar entscheiden. Man braucht Abstand, um zu wissen, ob man etwas wirklich braucht.
KOMMT MAN DA AUF DEN BERUF DES ARCHIVARS ZURÜCK, DER JA NICHT DAS GEGENWÄRTIGE, SONDERN DAS VERGANGENE SICHTET UND DADURCH, DASS ER IMMER EIN PAAR JAHRE HINTERHERARBEITET DEN NÖTIGEN ABSTAND FÜR DIE SELEKTIERUNG HAT? Ja, für historische Archive stellt sich noch nicht mal die Frage der Digitalisierung. Viele arbeiten noch mit Zettelkästen, mit dem so genannten Findbuch. Es gibt aber auch sehr moderne Archivierungsformen, wie zum Beispiel bei kommunalen Verwaltungsarchiven, deren gesamter Geschäftsgang digital verläuft. Die Archivlandschaft ist gegenwärtig also sehr heterogen und verläuft parallel digital und analog. Bibliotheken verändern sich von einem Aufbewahrungsort für Bücher zu einem modernen Informationszentrum. Im digitalen Zeitalter sind wir alle ein wenig zum Archivar und Bibliothekar geworden.