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Vom König der Berge: An der Schneegrenze zwischen Frankreich und der Schweiz züchten Mönche bereits seit zwei Jahrhunderten den ultimativen Lebensretter

Er gehört laut den internationalen Rassestandards der FCI zu der Gruppe der Pinscherund Schnauzer, Mollossoiden und Berghunde. In seinen zwei Varianten – der bekannteren Stockhaarvariante mit kurzem Fell und der Langhaarvariante – ist er inzwischen zur unumstrittenen Ikone der Bergrettung aufgestiegen. Mit durchschnittlichen 65 Zentimetern Körperhöhe zählt er zu den Größten unter seinesgleichen. Im Wesen stets freundlich, sein Temperament ruhig bis lebhaft, äußerst wachsam und aufmerksam. Sein gefülltes Fässchen zeigt die Schweizer Flagge, die nicht ohne Grund eine Umkehrung des roten Kreuzes auf weißem Grund darstellt …

Die Legende eines Hundes, der dem Wanderer schon aus der Nebelbank entgegenkommt, ihm den sicheren Weg weist, leitend im Nebel die sicheren Pfade einschlägt und uns in der Not sogar aus der eisigen Gefangenschaft der Lawine rettet, ist allbekannt. Mit einem Schlückchen Rum aufgelockert zieht er uns aus dem »weißen Tod«, bevor er uns, in seinem warmen Fell gebettet, auf seinem weichen Rücken sicher ins Lager trägt: Der Bernhardiner oder auch St. Bernhardhund. Doch halt – Die Geschichte beruht offensichtlich auf einer wahren Begebenheit:

Alles beginnt ganz leise im 9. Jahrhundert mit der Gründung eines katholischen Pilgerhopizes in den heutigen Schweizer Alpen durch den Heiligen Bernhard von Aosta. Zur Einkehr oder als sicheres Lager für Reisende und Pilger, welche den gefährlichen Aufstieg über die Alpen wagten, diente das Hospiz, eine kirchliche Niederlassung, auf einer langen Reise zwischen Martigny und Aoste als Ruhe- und Erholungsstätte. Mitte des 17. Jahrhunderts brachten die Chorherren Berghunde zum Hospiz auf der Passhöhe des 2469m hohen großen ST. Bernhard, die wohl aus einer Mischung aus Bauern- und Hirtenhunde entstanden waren. Es war damals wohl kaum voraus zu ahnen, welchen Ruhm die ursprünglich als Schutz- und Wachhunde auf den Pass gebrachten Hunde als Begleiter – und insbesondere als Retter in der Not – für in Nebel und Schnee verirrte Reisende einmal erlangen würden. Es begann die Zucht der Hunde nach speziellen Bedürfnissen. Sie dienten den Schneepflügen und im Gelände als Begleiter mit lebensrettendem, wachem Instinkt.

Als der französische Feldherr Napoleon Bonaparte im Mai des Jahres 1800 mit seinen 40.000 Mann, 5000 Pferden und Geschützen den Pass beging, waren die Geistlichen und ihre Hunde den Chroniken nach reichlich beschäftigt. Teile der französischen Soldaten, die damals über die Route passierten, verirrten sich oder blieben gar ganz verschollen. Dies ist wohl den Wetterumschwüngen und  dem manchmal blitzartig einsetzenden Schneetreiben zu verschulden. Auch abgegangene Lawinen und die ohnehin schwierige Orientierung im Gebirge trugen sicherlich ihren Teil dazu bei, dass die Hunde als Rettungshunde eingesetzt wurden. Zwischen diesen ereignisreichen Jahren 1800 und 1812 lebte im Hospiz ein ganz besonderer Bernhardiner, auf dessen Namen allein mehr als 40 Menschenrettungen verbucht werden. Barry – so der Name des Urbernhardiners und Ausnahmetieres mit der besonderen Nase, ist heute sogar eine äußerst umfangreiche, stetige Ausstellung im Naturhistorischen Museum in Bern gewidmet. Auch ein französisches Denkmal in der Nähe von Paris ehrt den Ausnahmerüden. Das Wirken dieses einen Hundes darf als Ausgangspunkt für jene Legenden um die gutmütigen, familienfreundlichen, großen, sozialen Kuschelriesen betrachtet werden.

1814 starb der legendäre Barry. Allerdings nicht im Dienst auf dem Hospiz in einem heroischen Arbeitseinsatz, wie man es vermutet hätte, sondern friedlich und leise unten im Tal.

Schon 1812 vom Hospiz bergab nach Bern geleitet, starb Barry in Ehre fernab von der Arbeit am Pass und wurde dort direkt im Anschluss zum Andenken konserviert. Die in viele Sprachen übersetzten, publizierten Chroniken über zahlreiche, dem »weißen Tode« entrissene Menschenleben (mehr als 3000 sollen es gewesen sein) und die mündlichen Berichte der Soldaten und Wanderer haben im 19. Jahrhundert den Ruf des Bernhardiners, dazumal »Barry-Hund« genannt, über ganz Europa verbreitet. Erstaunlich, bedenkt man wie schwerfällig die Nachrichtenübermittlung dieser Zeit noch war.

Das berühmte Fass am Halsband der Hunde ist eine illustrative Erfindung des englischen Tiermalers Sir Edwin Landseer um 1820. Über die Jahrhunderte ist so der Glaube an ein gefülltes Rum- oder Cognacfässchen entstanden, der sich bis heute gehalten hat. Als universelles Identifikationsmerkmal der Hunde wurde das sympathische Rum-Fässchen bis heute auch aus Marketinggründen beibehalten.

Ca. 1350 Euro kostet heute ein echter Welpe. Potentielle Käufer kommen aus der ganzen Welt und nur Hunde aus der Zucht am Hospiz dürfen auch den Titel: vom großen St. Bernhard im Namen tragen. Dem Adel des Hundes kann auch ein Königshaus nicht widerstehen. Selbst die englische Königin Victoria war in ihrer Regentschaft stolze Besitzerin eines edlen Tieres. Ein reinrassiges Exemplar zu erwerben, ist allerdings nicht leicht. Im Gegenteil: Interessenten müssen sich oft sehr lange gedulden. Die Zucht der in weiten Teilen Asiens als Delikatesse geltenden Hunderasse wird streng nach einer Zuchtordnung, sowie durch Beobachtungen und Vorschriften der Ordensherren vom Col Du Grande Saint Bernhard kontrolliert und reglementiert. Lediglich die beiden Universitäts-Tierkliniken von Zürich und Bern dürfen bestimmen, ob ein Hund einen Stammbaum erhält. Gezüchtet werden die Bernhardiner traditionell mit kurzen Haaren und einem Fell mit charakteristischen Weiß- und Rottönen. Diese stockhaarige Varietät des Bernhardiners macht heute mehr als ein Drittel des Bestandes von insgesamt 800 reinrassig erfassten Hunden aus.

Seit 1855 gibt es neben diesem kurzhaarigen »Original« auch eine zweite Variante mit langen Haaren. Sie entstand aus einer, seiner Zeit nötig gewordenen Kreuzung mit Neufundländern. Die Chorherren hatten sich seiner Zeit dazu entscheiden müssen, um zu vermeiden, dass die Hunderasse durch eine drohende Epidemie ausstarb.

Als der Orden der katholischen Chorherren schließlich Ende 2004 bekannt gab, er sei nicht mehr »zahlreich genug« um die Aufgaben rund um die Betreuung der weltbekannten Bernhardiner-Hunde wahrzunehmen, wurde befürchtet, die Zucht der Hunde werde eingestellt. Im Gegensatz zu den Hunden lassen sich Chorherren eben nicht züchten. Lediglich fünf leben derzeit noch im Hospiz. Nur einer Stiftung und einem durch privaten Spenden eigens für den Bernhardiner errichteten Museum in Martigny ist es zu verdanken, dass der Bernhardiner erneut gerettet werden konnte. Mittlerweile werden die Hunde im Winter im Tal gehalten, wo ihre Zucht in die Arbeit des Museums integriert worden ist. Im Sommer werden die Tiere dann auf das Hospiz gebracht, wo sie über die Sommermonate den lebendigen Mythos vom Lawinenrettungshund Bernhardiner aufrecht erhalten. Darauf bestanden die katholischen Chorherren vom Col Du Grande ST. Bernhard.

Letzten Endes hat allein das wirtschaftliche Image vom Rettungshund die Rettung der legendären Hunderasse sicherstellen können, denn als Lawinenhunde sind die großen Tiere längst zu schwerfällig und überholt. Dennoch wird die wache Erinnerung an eine Zeit ohne Hubschrauber, die mittlerweile eher leichtere Hunde zur Bergrettung absetzen, traditionell gepflegt. Der Hund in Plüsch mit dem Fässchen bleibt der Merchandise-Star der Schweizer.

So ist man zurecht äußerst stolz auf die Zucht der Rasse oberhalb der Schneegrenze, die als Schweizer Nationalhund wie kein Zweiter das makellose Image des »Suchen und Findens« repräsentiert. Auch werden Bernhardiner vereinzelt wieder mehr in Rettungsstaffeln integriert, nachdem neueste Forschungen ergaben, dass allein der Bernhardiner die Wärmestrahlung eines Menschen mittels seiner feinen Nase und seinem sensiblen Gespür auch durch eine geschlossene Schneedecke hindurch wahrnehmen kann.